Hier finden Sie einen Beitrag zur Netiquette. Das Wort steht inzwischen zwar im Duden (Ausgabe 04/2006), aber weiß das der durchschnittliche Google-Nutzer? Sicher ist sicher, deshalb ergänze ich Netikette, Nettiquette und Nettikette. Wenn Sie das nicht verstehen, sollten Sie mal ein anderes Wort googeln, das nicht im Duden steht: "Maschienenbau": Die erste Uni gewinnt!
Ich habe nun mehrfach erlebt, dass kurze Informationen (rund 500 Zeichen) in MS-Word geschrieben, dann ins ZIP-Format komprimiert (rund 2kB) und zuletzt per E-Mail an mich verschickt wurden. Daraufhin musste ich den Anhang dekomprimieren und mein Office-Paket hochfahren, bevor ich feststellen konnte, dass in dem Text die Anrede fehlt.
Die Begründung eines Schülers lautete, dass es meine Zeit sparen würde, wenn ich die Anrede nicht lesen müsste..
Deshalb habe ich diese Vorschläge zur E-Mail-Etikette geschrieben. Auf Anregung eines Schülers habe ich die Zusammenfassung nach vorne gezogen, denn wer will schon so viel Text lesen.
Ein Nachtrag nach PISA 2001: Wer kann schon noch..
Für die, die noch lesen wollen, folgt die Begründung nach der Zusammenfassung.
2093. Frage: Ich bin Abteilungsleiter.. eines Unternehmens.. mit.. 40000 Mitarbeitern. Es ist wieder so weit: Wir haben eine Anzeigenaktion gestartet und ich muss wieder einmal die schriftstellerischen Glanzleistungen der diversen Kandidaten durcharbeiten.
Hat eigentlich jemand Mitleid mit den Abteilungs- und Personalleitern? Leute wie Sie, Herr Mell, können für diese Tätigkeit ja wenigstens Schmerzensgeld in Honorarform einfordern.
Im Hinblick auf die üblichen Verdruss bereitenden Details (3-teilige Bewerbungsmappen, "Was Sie sonst noch von mir wissen sollten"-Blätter, Lebensläufe mal vorwärts, mal rückwärts) habe ich resigniert.
Jetzt kommt eine neue Welle des Verdrusses, die elektronische Bewerbung per E-Mail. Wie ist eigentlich die Halbwertszeit des Gedächtnisses von Bewerbern? Kapiert keiner, dass hierbei die gleiche Sorgfalt angewendet werden sollte wie bei der Papierversion?
a) Die eine Bewerbung kommt vernünftig daher: Was man als Anschreiben erwartet, ist in der E-Mail enthalten, die Anlagen sind in einer (!) Datei, vorzugsweise als PDF, alles thematisch und chronologisch in der richtigen Reihenfolge. Da kann ich dann lustig drin hin- und herblättern, wie ich es von der Papiervariante her gewöhnt bin. Außerdem sehe ich, dass diese Stellenausschreibung zusammengestellt wurde. Mit anderen Worten: Da hat sich jemand Mühe gegeben.
b) Der nächste schreibt dann: "Hiermit erhalten Sie meine Bewerbung, das Anschreiben finden Sie in der Datei xyz08/15. Ich suche dann in über zwanzig Anhängen. Könnte Lblffot eventuell der Lebenslauf mit Foto sein? Treffer, ich bewerbe mich vielleicht doch mal bei Günter Jauch. Zeuge#45/8 wird wohl ein Zeugnis sein, aber welches? Inhaltsverzeichnis = Fehlanzeige. Erster Frust kommt hoch. Wie würde bei diesem Bewerber wohl die Organisation seiner Arbeitsunterlagen aussehen?
Zugegeben, das war jetzt ein wenig übertrieben (aber wirklich nur ein wenig). Wenn ich Ratespiele machen will, mache ich das in meiner Freizeit.. Beim Durchlesen von Bewerbungsunterlagen brauche ich das nicht. Können Sie vielleicht darauf hinweisen, dass doch bitte für elektronische Bewerbungen die gleiche Sorgfalt aufgewendet wird wie für Papierausführungen?..
Oder bin ich zu anspruchsvoll?
Antwort: Ganz sicher nicht..
Ich muss immer wieder an das Grundprinzip einer Bewerbung erinnern: Sie müssen damit den Empfänger überzeugen. Der hingegen muss nicht - wie ein Gericht - Mühen und Sorgfalt aufwenden, um letztlich über Ihre Qualifikation entscheiden zu können. Im Gegenteil: der darf auch emotional aus dem Bauch heraus die Nase voll haben von Ihnen..
Die "Karriereberatung" von Heiko Mell erscheint wöchentlich in den vdi-nachrichten. Es handelt sich um Fallbeispiele eines professionellen Personalberaters, die drastisch die Spielregeln im Berufsleben schildern.
Die Karriereberatung sollte Pflichtlektüre für alle Schüler sein.
Wenn Sie Heiko Mells Auffassungen beherzigen und meinen ganzen Unterricht verschlafen, haben Sie wesentlich bessere Karrierechancen als im umgekehrten Fall.
Sie wollen keine Karriere machen? Dann lesen Sie die Karriereberatung als vorbeugenden Arbeitsplatzschutz !
Bewerten Sie alle E-Mails (und alle andere Arbeiten, die Sie abliefern) unter dem Gesichtspunkt des Empfängers. Gehen Sie davon aus, dass der Empfänger an diesem Vormittag noch weitere 100 E-Mails beantworten muss und nicht auf Sie gewartet hat. Und vergessen Sie nicht, dass der Empfänger Ihres E-Mails auch Einfluss auf Ihr Gehalt haben kann.
Wenn Sie aber beschließen, dass diese ganze Seite Quatsch ist, so tun Sie dies natürlich aktiv, d.h. Sie holen weitere Informationen ein und wägen sie gründlich gegeneinander ab. Nie würden Sie eine solche wichtige Entscheidung aus dem hohlen Bauch heraus oder gar in Ahnungslosigkeit treffen.
Im modernen Qualitätsmanagement gilt der Ansatz: Unter Konkurrenzbedingungen muss man seine Kunden zufrieden stellen, wenn man dauerhaft an ihnen verdienen will. Deshalb sollten alle Firmen und Angestellte, die keine Monopolstellung haben und trotzdem Geld verdienen wollen, Qualität bieten (=ihre Kunden zufrieden stellen).
Der Ansatz gilt auch für Schüler, die gute Noten haben wollen.
Der Ansatz gilt nicht für Lehrer an öffentlichen Pflichtschulen, weil es dort keine Konkurrenz gibt;-). Der Ansatz gilt auch für Sie nicht, wenn Sie kein Geld (oder Noten..) verdienen möchten, Ihr Geld mit "einmaligem Abzocken" oder als "einsamer Goldgräber" verdienen oder der einzig verfügbare Fachmann für Ihr Metier sind.
Im Folgenden gehe ich davon aus, dass der Empfänger Ihres E-Mails ein geschäftlicher Kunde oder Vorgesetzter ist, von dem Ihr Broterwerb unmittelbar oder langfristig abhängt.
Um den Qualitätsansatz nutzen zu können, müssen Sie noch klären, wer der Kunde ist und was der Kunde will.
Geschäftliche Empfänger von Briefen oder E-Mail haben 3 Erwartungen:
Mitteleuropäer belächeln japanische Verbeugungsriten, bei denen die Tiefe der Verbeugung Auskunft über die soziale Rangstellung gibt. Die gleichen Mitteleuropäer haben noch nicht bemerkt, dass Art und Lautstärke des Grußes in Mitteleuropa dasselbe verraten können. Auch unsere Gesellschaft ist von einem Netzwerk ungeschriebener Regeln durchzogen und Japaner hätten mehr Recht über uns zu lächeln, weil sie sich ihrer Regeln wenigstens bewusst sind.
Verstöße gegen ungeschriebene Regeln können in allen Gesellschaften zu Nachteilen führen. Mangelnde Kenntnis der Regeln ist das größte Manko eines Berufsanfängers (deshalb wird man mit wenigen Jahren Berufserfahrung viel besser bezahlt - manchmal) und ein großes Problem bei Auslandseinsätzen. Oder wissen Sie, dass man das freundliche Lächeln einer flüchtigen Begegnung in Nordamerika ganz anders werten muss als in Mitteleuropa?
Leider haben gerade wir Angehörige technischer Berufe die größten Probleme mit ungeschriebenen Regeln, da wir die Bedeutung der reinen Information überschätzen. Aber die Wirklichkeit ist keine technische Zeichnung, in Briefen und E-Mails und gar im persönlichen Kontakt verliert das "Was" deutlich an Gewicht gegenüber dem "Wie".
Unerfahrene Menschen reagieren auf das Ansinnen, ungeschriebene Regeln zu lernen und zu beachten, oft wie folgt:
In Fällen, in denen Menschen vermeintlich ungerecht nicht befördert oder gar gemobbt werden, liegt eine häufige Ursache m.E. darin, dass sie selbst bestehende Konventionen nicht beachten. So gesehen sind diese Menschen selbst schuld - jedenfalls sofern die Erfüllung der Konvention in ihrer Macht steht, was oft nicht möglich ist (Aussehen, Alter, Geschlecht, Herkunft..). Aber hier geht es um E-Mails, und diese kann man in allen wichtigen Teilen selbst gestalten.
Zusätzlich erschwert wird die Sache mit den gesellschaftlichen Regeln, weil sie sich in allen Gruppen mehr oder minder unterscheiden. Im Handwerksbetrieb herrschen andere Regeln als in der Führungsetage eines Großkonzerns, in England andere als in Frankreich. Immerhin sind einige oberflächliche Regeln in der Geschäftswelt normiert, z.B. Kleidung und der Aufbau eines Briefes, und damit bin ich wieder bei E-Mails.
Eine Regel für deutsche Geschäftsbriefe (auf Papier) lautet, dass man einen Geschäftsbrief mit "Sehr geehrte/r...." beginnt.
Man braucht nicht zu begründen, warum der Inhalt eines E-Mails wichtig ist.
Aber es reicht nicht, den Inhalt einfach nur loszuwerden, sondern der Empfänger muss den Inhalt auch verstehen können, und zwar so, wie er gemeint war. Das ist wie in einer Klassenarbeit: Punkte gibt es nur für den (Un-)Sinn, der da steht, und nicht für den Sinn, den Sie gemeint haben.
Man sollte deshalb seine Schreiben auch einmal aus der Sicht des Empfängers lesen (und vorher den Deutsch-Unterricht ernst nehmen).
In E-Mails sind viele formale Informationen (Absender, Adressat, Absende- und Empfangsdatum usw.) automatisiert. Glauben Sie aber nicht, dass alle formalen Informationen automatisiert sind, es fehlen zum Beispiel die Anrede. Diese müssen Sie im Textfeld unterbringen, genau wie Ihre Konto- und Telefonnummer.
Auch die Bedeutung der Zeitersparnis für den Empfänger leuchtet jedem ein. Für deutsche geschäftliche Briefe ist sogar die Anordnung von Absender, Adressat, Datum, Betreff usw. nach DIN 5008 festgelegt, damit die Empfänger wichtige Inhalte schneller finden können (Diese Norm gilt seit 2005 auch für E-Mails). Dadurch kann ein Sekretär die Briefe schnell nach Absender oder Betreff sortieren, während die Chefin nur Absender und Inhalt liest. Es ist also gar nicht nötig, die Anredeformel fürsorglich wegzulassen, denn der Empfänger kann sie leicht überspringen, wenn er es für nötig hält. Dies gilt auch in E-Mails.
Leider muss man trotz Normung weiterhin selbst nachdenken, denn es gibt immer noch viele Möglichkeiten, die Zeit des Empfängers zu vergeuden, und sich selbst Minus-Punkte einzufangen. Beachten Sie deshalb die Zusammenfassung, die ganz am Anfang steht.
Heiko Mell (siehe Kasten rechts oben) in den VDI nachrichten vom 21.02.2003 ( Frage 148):
Ich möchte doch bitte, forderte der GF-Vorsitzende.., den Management-Bewerbern, die ich ihm schicke, eindringlich etwas nahe bringen: Sie sollten ihn im Vorstellungsgespräch gefälligst nicht mit "Hallo, Herr Dr. Müller" anreden...
Im weiteren Verlauf des Telefongespräches überlegte er es sich dann aber noch einmal: "Lassen Sie die Leute ruhig - dann sehe ich sofort, wer hier in meine engste Umgebung passt und wer nicht."..
Was lernen wir daraus?
Erstens, dass es für Ablehnungen nach Vorstellungsgesprächen stets auch Gründe geben kann, die nicht im fachlichen Bereich liegen..
Und zweitens, dass man im Gespräch mit ranghöheren Gesprächspartnern, von denen man etwas will(!), gut daran tut, die gesellschaftlich üblichen und im Zweifel eher die etwas konservativer geprägten Formen zu pflegen.
Duden Band 1, 24. Auflage vom April 2006, Dudenverlag Mannheim usw.
Gestaltung von geschäftlichen E-Mails
Grundsätzlich gelten für geschäftliche E-Mails die gleichen Höflichkeits- und Stilangaben wie für Geschäftsbriefe. So darf in einer geschäftlichen E-Mail die Anrede nicht fehlen,... auf das flapsige "MfG" als Grußformel ist in geschäftlichen E-Mails zu verzichten.
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